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Tölle Buch- und Fotokunst
Ein paar Gedanken zu Beginn Dass mir meine Hunde sehr am Herzen liegen, ist kein Geheimnis. Luna und Phalène soll es gut  gehen, und zwar so gut wie möglich. Aber dazu gehören für mich nicht nur optimales Futter,  regelmäßige Spaziergänge und soziale Kontakte. Mir sind auch und insbesondere die inneren  Strukturen des Mensch-Hunde-Teams wichtig. Was muss ich erkennen, verstehen und  beachten, wenn ich mit meinen Hunden zusammenlebe? Welche Beziehungsgeflechte gibt es,  und wo sind Wirkzusammenhänge, die ich als »Kopf der Bande« mitbestimmen und lenken  kann und muss? In meinem ersten Buch »Herz-Damen« hatte ich recht ausführlich von Anita Balser erzählt. Sie  beeindruckte  mich immens und verhalf mir in den wenigen Stunden, die sie mit Luna, Phalène  und mir arbeitete, zu einer veränderten Haltung. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch  wenn die Intensivtage mittlerweile etwa zweieinhalb Jahre zurückliegen.  Natürlich höre ich auch die Stimmen der Kritiker bezüglich der Rudel-Theorie, und ich will mich  dem und anderen Beobachtungen und Erkenntnissen hinsichtlich des Zusammenlebens von  und mit Hunden keinesfalls verschließen. Daher bin ich stets innerlich auf der Suche: Bei  unterschiedlichen Kursen, in verschiedenen Hundeschulen, während der Teilnahme an  Seminaren zu interessanten Themen, oder auch mal in einer Einzeltrainingsstunde inklusive  Beratung. Außerdem lese ich auch immer wieder Artikel und Bücher zu den unterschiedlichsten  Themen. Im Hinblick auf meine Rolle als Pädagogin mit zwei Schulbegleithunden konnte ich im  November 2013 einmal aus ganz anderer Perspektive eine Menge Erfahrungen sammeln und  sehr interessante Eindrücke gewinnen. Mehrere Mensch-Hund-Teams fanden sich zur Einführungsveranstaltung einer Fortbildung zum  Thema »Hundgestützte Pädagogik und Therapie« zusammen; ich durfte als stille Beobachterin  und Helferin dabei sein. Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen sozialen Einrichtungen  (KiTa, Schule, Ergotherapie-Praxis…). Alle waren sehr daran interessiert, zusammen mit ihren  Hunden pädagogisch bzw. therapeutisch zu arbeiten. An diesem Tag ging es allerdings  zunächst um eine erste Einschätzung der Hunde und auch um die Sensibilisierung der  Menschen, bevor die eigentliche Fortbildungsveranstaltung stattfinden sollte. Leider kommt es immer wieder vor, dass die Hunde nicht in dem Maße geeignet sind für den  Einsatz in der Schule oder in einer therapeutischen Einrichtung, wie man selbst vielleicht  angenommen oder sogar erwartet hatte. Oft ist der Blick getrübt von dem großen Wunsch,  zusammen mit dem eigenen Hund als Team arbeiten zu können. Und schnell werden dann die  feinen Signale übersehen, die ein Hund zeigt, der sich in seiner Haut nicht wohlfühlt. Eine  variationsreiche Eignungs- und Belastungsanalyse, während der unter anderem verschiedene  zu erwartende Alltagssituationen aus Schule oder Therapie simuliert wurden, sollte deshalb  Auskunft darüber geben, wie die Hunde der Teilnehmer in Stresssituationen reagieren. Fatal  wäre beispielsweise ein unsicherer Hund, der in einer Bedrängungssituation an Souveränität  verliert und »nach vorne« geht. Wie wichtig die Einschätzung der Hunde ist – und wie viel wichtiger darüber hinaus die  Sensibilisierung der Menschen, dieses wahrzunehmen und auch sich eingestehen zu können! –, war mir klargeworden, als ich selbst an der Fortbildung »Hundgestützte Pädagogik und  Therapie« teilnahm: Meine in meinen Augen absolut traumhafte Hündin Luna hatte zwar alles  klaglos über sich ergehen lassen, aber auch gezeigt was sie nicht mochte, indem sie sich bei  der Eignungsanalyse einigen Situationen und Anforderungen einfach entzog. Mit einer so klaren Abgrenzung hatte ich nicht gerechnet, und mir rutschte bereits das Herz in die Hose: Mein  Hund, nicht geeignet?! Was dann…? Luna erhielt eine positive Einschätzung. Ich konnte mich in allen Situationen hundertprozentig  auf sie verlassen, sie reagierte immer, auch auf leiseste Signale, und zwar ohne Zögern.  Entscheidend war nicht zuletzt auch, dass Luna in den für sie unangenehmen Situationen ein  absolut defensives Meideverhalten zeigte, das frei war von jeglicher Aggression. Trotzdem  musste ich mir am Ende der Fortbildung eingestehen, dass Luna nicht beliebig in allen  schulischen Bereichen einsetzbar sein würde. Nicht, wenn ich verantwortlich arbeiten wollte. Es  lag nun an mir, die Bedingungen so zu gestalten, dass die Teilnahme am Schulleben für Luna  nicht zur Belastung oder Überforderung wurde. Mit meiner zweiten Hündin Phalène war zwischenzeitlich ein temperamentvoller Wirbelwind bei  uns eingezogen, offen für alles und immer zu einem Spaß bereit – das genaue Gegenteil von  Luna. Mit ihr nahm ich, sobald sie alt genug war, ebenfalls an einem Seminar für Hundgestützte  Pädagogik teil. Bei der Eignungs- und Belastungsanalyse konnte Phalène mit ihrem  freundlichen und offenen Wesen, ihrer Kontaktfreude einerseits und ihrer Sanftmut andererseits überzeugen. Die Entscheidung zu einem zweiten Hund war in jeglicher Hinsicht goldrichtig: Die  spritzige Phalène ist die perfekte Ergänzung zu der ruhigen, in sich gekehrten Luna. Beide  Hündinnen ergänzen sich optimal, sowohl in alltäglichen Situationen als auch im schulischen  Einsatz, und tun sich in jeglicher Hinsicht gut.  Es ist schon beeindruckend zu erleben, was unsere Hunde manchmal bei Schülern mit  emotionalen Auffälligkeiten erreichen können, wenn wir nur die nötige Geduld mitbringen. Und  Zeit. Wie schön, dass sowohl unsere Schulleitung als auch das Lehrerkollegium unsere Arbeit  unterstützen und ganz Vieles möglich machen, zum Beispiel dass wir mit zwei Kollegen und drei  Hunden eine gemeinsame kleine AG-Gruppe leiten können und sogar Stunden für die  Einzelförderung bekommen.  Je länger ich allerdings »Hundgestützte Pädagogik« arbeite, umso mehr fällt mir auch auf, wie  viel Verantwortung ich hier trage, und zwar für alle Beteiligten.  Beispielsweise filmten wir im Rahmen der Hunde-AG eine der letzten Proben für eine geplante  kleine Vorführung. Im festen Glauben, mit den Schülern und den Hunden brillieren zu können,  nutzten wir die aufgenommene Sequenz als Supervisions-Material. Und fielen anschließend aus  allen Wolken, als wir bei der Analyse der Stunde vor Augen geführt bekamen, wie viele Details  wir nicht beachtet oder schlichtweg übersehen hatten! Da stellt man sich selbst und seine Arbeit  plötzlich ganz schön infrage.  Gerade dieser unvoreingenommene, fachmännische und bisweilen kritische Blick von außen ist  aber notwendig, damit wir nicht selbstverliebt und betriebsblind daherkommen und womöglich  irgendwann unvorsichtig werden oder gar unseren Hunden Unzumutbares zumuten.  In den Erzählungen von Luna und Phalène werden (vor allem in den Hunde-AG-Stunden) immer  wieder einmal Situationen aus dem Schulalltag beschrieben, die sich so anhören, als würden wir  selber genau das gar nicht beherzigen, was wir gerade als grundlegende Notwendigkeit definiert haben: nämlich  die Hunde vor Unzumutbarem zu schützen.  In der Hoffnung, jetzt nicht mit der sprichwörtlichen Betriebsblindheit daherzukommen, bin ich  allerdings so mutig zu behaupten, dass dieser Eindruck täuscht.  Momentan arbeiten wir zu  zweit mit unseren drei Hunden einmal in der Woche für zwei Stunden in der AG. Desweiteren  sind meine beiden Mädels in einer Unterstufenklasse zu Gast, ebenfalls für zwei Stunden. Nach  dem gemeinsamen Einstieg verlasse ich allerdings die Klasse und arbeite mit zwei oder drei  Kindern in einem separaten Raum. Anschließend begleiten Luna und Phalène für eine Stunde  einen Schüler in einer Einzelförderung. Insgesamt sprechen wir also, Luna und Phalène betreffend, von maximal fünf Schulstunden  Hundeeinsatz in der Woche. Hinzu kommen zwei- bis dreimal im Jahr außerplanmäßige  Veranstaltungen wie die Projekttage oder die Sporttage. Allerdings sind hier nicht immer unsere  Hunde dabei; es gibt durchaus Projekte, an denen sie gar nicht beteiligt sind oder nur an einem  Tag zu Besuch kommen.  Natürlich gibt es ab und an Situationen, die für die Hunde anstrengend sind; aber wir sprechen  hier stets von kurzen Augenblicken, maximal von einigen wenigen Minuten. Bislang  fanden  emotionale Ausbrüche und Auseinandersetzungen auch noch nie direkt in einer mit Hunden  begleiteten Stunde statt; aber natürlich bleibt es nicht aus, dass die Schüler ab und an  emotional gepusht aus Konflikten direkt zu uns kommen. Dann stellt sich die Frage, ob sie in der Lage sind, ihren Konflikt »vor der Tür« zu lassen, um mit den Hunden arbeiten zu können. Nicht immer ist dies möglich, und manchmal äußert ein Schüler tatsächlich von sich aus den  Wunsch, lieber draußen zu bleiben – was wir respektieren! So sind die Hunde nie unmittelbar  betroffen, sondern erleben Spannungen oder Konflikte »aus der zweiten Reihe«. Und trotzdem gehen wir hinterher jedes einzelne Mal in die Reflektion und fragen uns: »War das  jetzt für die Hunde so in Ordnung? Was hätten wir besser oder anders machen sollen? Wie  gehen wir beim nächsten Mal vor?«  Wenn wir tatsächlich den Eindruck hätten, unsere Hunde würden uns nicht gern zur Schule  begleiten, würden wir sie umgehend zu Hause lassen. Das Projekt »Hundgestützte Pädagogik«  müsste auf Eis gelegt werden. Und dann würden wir beginnen, konzeptionell umzustricken –  denn die Arbeit mit Kindern und Hunden ist einfach zu wertvoll, als dass wir einfach aufgeben  würden.

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